Stadtumbau und Kapitalismus

Stadtentwicklung ist heute ein Prozess, der längst zu den großen Zukunftsfragen der Menschheit gehört. Seit Rio 1992 sind in Dutzenden Konferenzen wie Urban I und II, Konzepte gesucht und diskutiert worden, wo und wie Milliarden Menschen in Zukunft leben werden. Dazu werden Leitbilder formuliert, internationale Städtenetze gegründet und umfangreiche Sozialraumanalysen veröffentlicht.

Doch all dieses Getöse kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gestaltungsspielräume für städtische Politik in den letzten Jahren deutlich geringer geworden sind. M. Davis beschreibt in seinem Buch „Planet der Slums“ anschaulich und erschreckend zugleich, was passiert, wenn Millionen sozial entwurzelter Menschen in Großstädten der dritten Welt völlig auf sich allein gestellt sind und Stadtentwicklung ein rein informeller Prozess wird. Doch der Verweis auf die Unregierbarkeit von Megacities sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass sich auch in Europa und Deutschland ein Stadtumbau vollzogen hat, welcher die Möglichkeiten der Einflussnahme der BürgerInnen deutlich verringert hat. Hochverschuldete Kommunen, die kaum noch in der Lage sind, ihren Pflichtaufgaben nachzukommen, geschweige denn irgend etwas zu gestalten und deshalb jedem Investor rote Teppiche ausrollen – egal was dieser in ihrer Stadt vorhat – kennen wir auch hier zu Genüge!stadtumbau_hp3

Städte haben in den letzten Jahren versucht, zu Akteuren in einer kapital- und gewinnorientierten Welt zu werden. Große Städte haben mit eigenen Banken ins globale Finanzgeschäft eingegriffen (wie Berlin und Hamburg). Städtische Gesellschaften haben über Cross- Border- Leasing- Geschäfte, Teile städtischen Eigentums an amerikanische Investoren verpfändet (wie die Strassenbahn in Leipzig oder das Kanalnetz von Bochum) oder gleich ihren kompletten Wohnungsbestand verkauft (wie in Dresden).

Nicht nur das Beispiel der Landesbank Berlin zeigt, dass sich viele Städte in diesem Spiel eher verzockt haben.

Und trotzdem stellen die genannten Beispiele nur die Spitze des Eisberges dar.

Im Grunde ist die entscheidende Frage, wie viel Einfluss und Raum Städte finanzkräftigen Investoren insgesamt überlassen, deren Finanzkraft das städtische Vermögen in der Regel um ein Mehrfaches übertrifft?! Es wäre eine lohnende wissenschaftliche und politische Analyse, dies einmal vergleichswirksam zu untersuchen.

Aber auch ohne fundierte Analyseergebnisse ist es nicht schwer, die grundsätzliche politische Linie der politischen Eliten in den meisten deutschen Städten zu erkennen. Für große Einkaufs- und Gewerbezentren findet sich immer ein gutes Stück Land, für schnelle Entscheidungen bei Großprojekten immer ein eilfertiges Bauamt, bei der bloßen Andeutung von 3 Arbeitsplätzen immer ein Förder- und Subventionstopf.

Womit wir mitten in Potsdam wären.

Mensch kann über Potsdamer Stadtpolitik im Detail sicher trefflich streiten. Was aber im Ergebnis bei unserem Thema deutlich auf der Hand liegt ist, dass Potsdam seine Stadtentwicklung in den letzten Jahren vorrangig an die Interessen zahlungskräftiger Investoren geknüpft hat.

So sind im Bornstedter Feld eben nicht Baugemeinschaften und die Interessen der künftigen BewohnerInnen einbezogen worden, sondern die Berner Group und die BIH Berliner Immobilien Holding GmbH. Filetgrundstücke an den Parks, Seen und der Innenstadt gingen nicht an kulturelle Projekte, sondern an locals- luxery homes (http://www.locals.de/de/luxuryhomes/index) oder die Die Prinz von Preussen Grundbesitz AG und bei der Sanierung von Babelsberg stehen natürlich nicht die alteingessenen MieterInnen, sondern Semmelhack und Co. an erster Stelle.

Wer sich derart deutlich positioniert und in Abhängigkeiten begibt, der hat natürlich bei anderen Aspekten der Stadtentwicklung kaum noch Gestaltungsspielräume. Diese Art des Bauens, Wohnens oder der Kapitalanlage treibt logischerweise die Preise nach oben, verlangt eine eigene Infrastruktur und verringert die wirklich öffentlichen Räume. Sie zieht eine neue Bevölkerung an, die wiederum eigene Vorstellungen von Gestaltung, Konsum, Alltag und Kultur hat. So ist es denn überhaupt nicht verwunderlich, das gerade dieses Klientel neureicher Neupotsdamer den Wiederaufbau von Schloss, Garnisionskirche etc. vorantreibt und dazu kräftig sponsert. Wie schwer es ist, diejenigen, welche man mit seiner Stadtpolitik quasi selbst „gerufen“ hat, wieder in die Schranken zu weisen, wissen der Oberbürgermeister und das Bauamt nur zu gut, wenn sie sich mit neuen, maßlosen Forderungen vom Heiligen See auseinander setzen müssen.

Geradezu symbolhaft für diese Entwicklung stehen zwei Potsdamer Besonderheiten. Mit der „Arcadia“ gibt es in Potsdam die erste Gate Community Deutschlands und mit der „Villa Ritz“ hat Potsdam auch den teuersten und nobelsten Privatkindergarten des Landes.

Eigentlich ist es nur zu logisch, das bei einer solchen Stadtentwicklung kleine Initiativen, Kultur- und Wohnprojekte, Jugendeinrichtungen und öffentliche Freiräume keinen Platz mehr haben – sie sind schlicht nicht verwertbar. Dabei ist es völlig egal, ob dieser Prozess gewollt oder ungewollt verlaufen ist. Er ist einfach das reale Ergebnis des Stadtumbaus in Potsdam. Er ist die Unterordnung unter das kapitalistische Prinzip von Kapitalinteressen und Gewinnorientierung. stadtumbau-und-kap_hp

Die aktuelle Finanzkrise ist da fast schon so etwas wie ein Hoffnungsschimmer. Denn natürlich war das viele Investorengeld, das die Stadtväter die letzten Jahre so glücklich gemacht hat, oft auch nur kreditfinanziert und in nicht geringem Maße spekulationsgetrieben. Damit ist vorläufig erst einmal Schluss.

Und vielleicht nutzt die Stadt diese Atempause ja mal dazu, zu überlegen, ob die vielen Initiativen und Selbstorganisation von Jugendlichen, die Projekte emanzipatorischer Kultur, gemeinsamen Wohnens und solidarischer Ökonomie, die die Stadt trotz der oben beschriebenen Entwicklung immer noch hat, nicht ein „Mehr“ an Reichtum für Potsdam bedeuten, als alle Millioneninvestitionen von Millionären.

(kl)


Berner Group GmbH

Die Berner Group gehört zu den deutschlandweit führenden Anbietern von Immobilien-Kapitalanlageprodukten und hat nach eigenen Angaben in den vergangenen 30 Jahren ein Volumen an Immobilien und Finanzierungen von über 4,5 Milliarden Euro vermittelt.

Allein in den Jahren 1998 bis 2003 betrug das Investitionsvolumen sanierter und verkaufter Wohnungen über 304 Millionen.

Das Projekt „Am Ruinenberg“ richtet sich sowohl an Kapitalanleger als auch an Eigennutzer. Das gesamte Investitionsvolumen beträgt nach Firmenangaben rund 35 Millionen Euro.  MAZ 7. Juni 2007


Die 2006 gegründete BIH Berliner Immobilien Holding GmbH betreut das Immobiliendienstleistungsgeschäft des Landes Berlin und ist einer der größten Immobilienkonzerne der Region.

Die Strategie des Konzerns sieht schnelles, vorausschauendes, konsequentes immobilienwirtschaftliches Handeln im Vordergrund. Dabei geht es zunächst um die Optimierung der Performance des Immobilienbestandes der BIH Gruppe und der von ihr gemanagten geschlossenen Immobilienfonds (29 mit rund 69.000 Zeichnern und rund 3,16 Mrd. Beteiligungskapital)

Im Bestand des Unternehmens befinden sich 595 Objekte, davon16 Objekte im Ausland. Das prospektierte Mietvolumen beträgt über 417 Mio. € p. a., das ursprüngliche Investitionsvolumen lag bei9,3 Mrd €.

3 comments to Stadtumbau und Kapitalismus

  • Das Thema Stadtumbau – Kultur – Bildung – Stadtentwicklung ist enorm wichtig und präsent in Potsdam. Wenn Ihr Interesse habt, können wir als Initiative da auch gerne einen kleinen Beitrag für euch leisten!

    solidarische Grüße!

  • admin

    Das sehen wir ja genauso, aber was meint ihr mit einem Beitrag für uns? „Hallo Potsdam“ ist als einmalige Aktion angelegt gewesen. Wir wollen zwar nicht ausschließen, dass es irgendwann eine neue „Hallo Potsdam“ gibt, aber geplant ist das derzeit nicht. Insofern wäre ein Beitrag des (politischen) Beitrages wegen gut. Also wir haben Interesse daran, dass allgemein in Potsdam/ in dieser Welt was passiert, sich Protest regt. Solidarische Grüße zurück!

  • Ah, ok. Wir dachten jetzt, es wäre eine regelmäßige Angelegenheit – also auch im halbjährigen Rahmen. Aber auch so – sehr schick 🙂