Potsdam eine aufgewertete Stadt?

Das Potsdam eine besondere Stadt ist, bekommen wir häufig zu hören. Erst kürzlich wurde Potsdam in eine weltweite Top10-Liste der authentischsten historischen Orte aufgenommen1. Doch nicht allein die kultur-historische Ausstrahlung macht ihre Besonderheit aus. Potsdam steht im Gegensatz zum allgemeinen Trend in Ostdeutschland: Hier gibt es keinen Bevölkerungsrückgang, sondern einen Zuwachs – und das nicht nur durch die Eingemeindung anderer Orte. Unlängst überschritt die Einwohnerzahl die 150.000 Marke und bis zum Jahr 2020 wird mit etwa 164.000 Einwohnern gerechnet. Potsdam ist laut Familienatlas 2007 die kinderfreundlichste Stadt Deutschlands2. Sie hat mit rund drei Prozent kaum Leerstand3 und ist mittlerweile das teuerste Wohngebiet in Ostdeutschland4. Was ist passiert?

Der stadtsoziologischen bzw. stadtgeografischen Begriff der Gentrifizierung (oder Englisch: Gentrification) umschreibt einen mehrdimensionalen Aufwertungsprozess von degradierten – also „heruntergekommenen“ – Stadtteilen. Das klingt auch logisch, denn nur wo es einen Investitionsbedarf gibt, lohnt sich die Investition. Die städtebauliche Situation nach der Wende in Potsdam ließ quasi keine andere Entwicklung erwarten, als das die durch Vernachlässigung, Verfall und Leerstand gezeichneten Altbauviertel baulich aufgewertet werden, sollte ein Flächenabriss verhindert werden.

Die bauliche Aufwertung ist eine von vier Dimensionen der Gentrifizierung5. Hierzu zählen Erneuerungen von Gebäuden und Wohnungen durch private Investoren und öffentliche Förderung, Sanierung und Neubau von Gebäuden, sowie Wohnumfeld- und Infrastrukturmaßnahmen. Es ist offensichtlich, dass in weiten Teilen Potsdams eine großräumige bauliche Aufwertung stattgefunden hat bzw. dieser Prozess weiterhin anhält. Als zweite Dimension lässt sich die soziale Aufwertung herausstellen. Diese meint einen Austausch von BewohnerInnen, eine veränderte Sozialstruktur, einen Zuzug von quartiersfremden sozialen Gruppen (bildungs- und einkommenshöherer Gruppen) und die Etablierung als Ziel von StädtetouristInnen. Den letzten Aspekt belegen Zahlen über den Stellenwert des Tourismus in Potsdam deutlich. Die Zahl der Übernachtungen ist im vergangenen Jahr auf 855.000 angestiegen, was ein Plus von fünf Prozent zum Vorjahr bedeutet6. Bis 2010 möchte der Oberbürgermeister Jann Jakobs die eine Million Marke geknackt sehen. Die zuvor genannten Aspekte lassen sich schwieriger ermitteln, da entsprechende Statistiken kaum vorhanden oder deren mögliche Ergebnisse eventuell gar unerwünscht sind.

Unter der funktionalen Aufwertung wird die Etablierung und Inszenierung neuer Nutzungen verstanden. Hierzu gehören kulturelle Einrichtungen, hochwertige Dienstleistungen (z.B. Medienbranche), hochwertige Gastronomie, hochwertiger Einzelhandel und die Verwirklichung von „Leuchtturm- Projekten“. Die funktionale Aufwertung vollzieht sich also in der Regel in quantitativer und qualitativer Hinsicht. Es siedeln sich nicht nur mehr Geschäfte und gastronomische Einrichtungen an, sondern sie sind qualitativ hochwertiger.

Als letzte, und den drei anderen übergeordnete Dimension gilt die symbolische Aufwertung durch die Politik, die Verwaltung, die Medien, die Wirtschaft, die Kultur und die BesucherInnen- bzw. BewohnerInnenschaft. Wie der Name erahnen lässt, ist es weniger eine sichtbare, materielle Aufwertung, sondern eher ein kommunikativer Aufwertungsprozess bzw. das Resultat einer Image- Bildung. Das Herausstellen einer Stadt oder eines Stadtteils als etwas Besonderes, Attraktives und Trendiges umschreibt diese Dimension treffend.

Die Personengruppen, die maßgeblich als Träger der Gentrifizierung gelten, suchen urbanen, großstädtischen Flair und einen hippen Kiez. Das sie zur Aufwertung, mit seinen positiven und negativen Folgen beitragen, ist wahrscheinlich den wenigsten bewusst. Nun lässt sich sicher streiten, ob es in Potsdam Viertel gibt, die das Prädikat Szene-Kiez verdient hätten. Doch auch in unserer Stadt wandelte sich beispielsweise die funktionale Struktur hinsichtlich Gastronomie und Einzelhandel. Ob Bio-Supermarkt, Regio-Laden oder schickes Straßencafé. Diese Einrichtungen bedienen ein anspruchsvolles und zahlungskräftigeres Milieu und könnten dazu beitragen, den Gemüsehändler und die verrauchte, vergilbte Eckkneipe zu verdrängen. Hier haben wir es mit einem Paradoxon zu tun. Natürlich ist es erstmal positiv, wenn sich Stadtteile entwickeln. Aber wer steigende Mieten, „Yuppisierung“ und Sanierungsdruck kritisiert, sollte sich dem – auf dem ersten Blick – abstrakten Zusammenhang zum sonntäglichen Frühstück im neu eröffneten, trendigen Straßencafé an der Ecke oder dem Einkauf von Biokäse im Regio-Laden bewusst sein. Es ist wohl das Hauptproblem der Stadtteilaufwertung, dass es sich dabei um ein furchtbar komplexes Phänomen handelt, dem sich zu entziehen nahezu unmöglich ist. Die verschiedenen Dimensionen der Gentrifizierung beeinflussen sich gegenseitig und entwickeln eine beträchtliche Dynamik. Richtig ins Bewusstsein wird sie wohl erst dann rücken, wenn das Wohnen und Leben im vertrauten Stadtteil (oder gar Stadt?) nicht mehr bezahlbar ist und ein Wegzug unausweichlich wird.

Der Aspekt der Verdrängung ist sicherlich der Komplizierteste, da es auch hier zu differenzieren gilt und entsprechende Daten, vorausgesetzt es gibt sie, unterschiedlich interpretiert werden können. Grundsätzlich wird zwischen freiwilliger (subjektiver) und erzwungener (objektiver) Verdrängung unterschieden. Als subjektive Verdrängung gilt z.B. ein – mehr oder weniger – freiwilliger Wegzug als Vorgriff einer bevorstehenden Sanierung, eine durch den Zuzug neuer Bevölkerungsgruppen verursachte Entfremdung vom Stadtteil oder eine „vergoldete“ Verdrängung durch die Zahlung von Abfindungen.

Letztendlich kann dieser Artikel keinen umfassenden Aufschluss über das Thema der Gentrifizierung in Potsdam bieten. Einerseits liegt es daran, dass wesentliche Rahmenbedingungen des Prozesses wie lokale Besonderheiten, städtebauliche Leitlinien, Restitution, verschiedene Erklärungsansätze etc. vernachlässigt wurden und anderseits am Mangel öffentlich zugänglichen Datenmaterials. Die letzte Studie zur Sozialstruktur z.B. in Babelsberg ist aus dem Jahr 1997 und wurde vom TOPOS Büro für Stadtforschung aus Berlin durchgeführt. Schon damals wurden vor Verdrängungsszenarien gewarnt und der Schutz der BewohnerInnenstruktur – vergeblich – als eines der obersten Stadterneuerungsziele postuliert.

Immerhin wird für das Jahr 2009 eine neue Studie beauftragt. Das Berliner Institut für Stadtforschung und Strukturpolitik soll mit einem „Stadtentwicklungskonzept Wohnen“ die Möglichkeiten untersuchen, wie zukünftig in Potsdam bezahlbarer Wohnraum gewährleistet werden kann7. Wir dürfen gespannt sein.was-ist-die-idee_hp

(fs)


weitere Informationen zum Thema:

  • Andrej Holm: Die Restrukturierung des Raumes. Stadterneuerung der 90er Jahre in Ostberlin. Interessen und Machtverhältnisse.

  • Jürgen Friedrichs: Gentrification. Theorie und Forschungsergebnisse.

  • Knut Henkel: Gentrifizierung als Spiegel lokaler Politik. Unter: www.nsl.ethz.ch/index.php/content/download/355/2239/file/

1 http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,588623,00.html

2 http://www.tagesspiegel.de/berlin/Brandenburg-Familienatlas-Potsdam;art128,2392793

3 Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.01.2008, Nr. 2 / Seite V15

4 http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/15.11.2008/4418620.pnn

5 nach Krajewski 2002

6 http://www.welt.de/welt_print/article2288494/Potsdam-wird-Touristen-Magnet.html

7 http://archiv.pnn.de/archiv/28.11.2008/4445622.pnn

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