„Es ist so, wie es ist.“

Interview mit Oberbürgermeister Jann Jakobs – Teil 2: Thema Stadtentwicklung

Eine ganz wichtige Zäsur für Stadtentwicklung war ja 1992 Rio, wo der Agenda-Prozess in Gang gesetzt worden ist und auch die Leitbilder von nachhaltiger Stadtentwicklung geprägt worden sind. In welcher Hinsicht ist die Potsdamer Stadtentwicklung nachhaltig?

Nachhaltigkeit und Stadtentwicklung in Potsdam, das lässt sich überhaupt nicht von einander trennen. Wir haben der Versuchung widerstanden, wie das in anderen Städten der Fall gewesen ist, die Innenstadtlagen Banken, Versicherungen o. ä. Institutionen zur Verfügung zu stellen.

Hat das- Großinvestoren, Banken und Spekulanten raus lassen im Bornstedter Feld auch funktioniert?

Na sicher. Klar hat das funktioniert. Sie müssen sehen, was wir gemacht haben seinerzeit. Wir standen vor der Frage, eine riesige Militärbrache zu entwickeln. Die Flächen sind alle Eigentum des Entwicklungsträgers Bornstedter Feld geworden, der eine 100-%ige Tochter der Landeshauptstadt Potsdam ist. … Und dann gab es die grandiose Idee meiner Vorgänger, also insbesondere von Horst Gramlich und Detlef Kaminski, das soll ein neuer zukunftsträchtiger Wohnstandort der Landeshauptstadt Potsdam werden. Da hat man sehr bewusst darauf gesetzt, dass dort Geschosswohnungsbau realisiert werden sollte. Dass dort auch alternative Lebensformen realisiert werden sollen. Die Frage, die sich in einem solchen Zusammenhang stellt, ist aber, wie kommt man zu Investoren, die bereit sind, dort ihr Geld zu investieren?

An wen sind dann die Flächen gegangen? Wer investiert denn die Millionen?

Also den größten Teil behalten wir, weil da eine öffentliche Grünanlage gebaut worden ist. Und dann haben wir sehr unterschiedliche Erwerber gehabt. Das waren anfangs auch Firmen, die von außerhalb gekommen sind. Als erste hat die städtische Wohnungsbaugesellschaft dort investiert. Mittlerweile sind es eine ganze Reihe an Investoren, von Semmelhack bis sonst wohin. Einzelne Bauherrenmodelle sind realisiert worden. …

Aber so kommen Sie auch nicht dahin, 1.000 Wohnungen pro Jahr zu bauen. Das werden Sie nicht mit Bauherrengemeinschaften hinkriegen.

Zur Nachhaltigkeit gehört auch Bürgerbeteiligung als Prinzip.

In den meisten Städten gibt es da so genannte Agenda-Foren. Warum gibt es das in Potsdam nicht?

Damit haben wir uns sehr intensiv auseinander gesetzt. … Aber das Interesse der Öffentlichkeit ist daran ein Stück erlahmt – muss man sagen – so dass es über die ersten Foren hinaus keine weiteren Foren gegeben hat, die unter dem Stichwort Agenda weiter gewirkt haben. …

Man muss als Stadt eine Menge an Eigenverpflichtung übernehmen. Aber ich glaube, das Ergebnis spricht für sich. Und wenn wir davon ausgehen können, das Potsdam eine spannende und interessante Stadt ist auch für junge Leute – wie ich finde – dann ist das der Tatsache zu verdanken, dass darauf geachtet worden ist, dass eben nicht nur eine beschauliche Stadt entsteht für die Touristen, sondern eben auch eine lebenswerte Stadt.

Ein zweites Prinzip der Nachhaltigkeit ist die Nutzungsmischung. Warum hat es im Kirchsteigfeld nicht funktioniert mit der Nutzungsmischung trotz des interessanten Ansatzes architektonisch unterschiedlichen Bauens?

Weiß ich nicht, wieso das nicht funktioniert. Das mit dem Wohnungsbau war Anfang der 90iger Jahre nach meiner Sicht auch die richtige Entscheidung. Wobei sich allerdings auch schnell herausgestellt hat, dass die Nettokaltmieten relativ hoch sind, so dass eine relativ große Fluktuation eingesetzt hat. So schön das dort ist – für viele Leute war es am Ende zu teuer und die haben sich dann gesagt, da suchen wir uns irgendwo was, wo die Miete billiger ist.

Es ist nicht einfach in Potsdam mit 3 Kindern eine Wohnung zu finden? Richtig viele Lofts und Maisonettenwohnungen – aber ohne Kinderzimmer?!

Ist vollkommen klar. Nur die Situation ist so wie sie ist.

Wer hier heute herkommt und erzählt, er hätte die Lösung, wie man dafür Sorge tragen könnte, dem wachsenden Bedarf an Wohnungen nachzukommen, der kriegt von mir eine Prämie. Nur ehrlich gesagt, ich habe nichts gehört.

Wir haben ja nicht nur in Potsdam die höchsten Durchschnittsmieten von allen Städten der neuen Bundesländer, sondern auch die erste und einzige Gatecommunity, die es bundesweit gibt, wir haben den Vorzeige-Nobel-Kindergarten mit der Villa Ritz hier in Potsdam. Das sind ja schon bestimmte Symbole für eine bestimmte Entwicklung. Jetzt haben Sie gerade gesagt: Es ist so wie es ist. Ist es so wie es ist oder wie ist es genau zu der Entwicklung gekommen?

Wir werden diesen Wohnungsbau, den wir brauchen, auch nicht mit Hilfe von öffentlichen Investitionen hinkriegen. Sondern es funktioniert nur, indem man das attraktiv macht für private Investoren. … Was die Frage angeht: Wie ist es dazu gekommen? Da ist es so, dass wir mit einer Situation konfrontiert sind, dass Potsdam eine hoch attraktive Stadt ist. Was dazu geführt hat, dass diese Stadt von Menschen nicht nur besucht wird, sondern die hier wohnen und leben wollen. Und wenn Sie so eine Nachfragesituation haben, dann funktioniert der Wohnungsmarkt sozusagen als Vermietermarkt. Dann haben Sie immer Vorteile als derjenige, der über die entsprechenden Objekte verfügt. Das sind in erster Linie gut Verdienende, das ist richtig. Und das ist ja auch nicht schlecht für eine Stadt, weil das sind auch gute Einkommenssteuerzahler. Was uns im Augenblick sogar dazu verhilft, die Einbrüche, die wir bei der Gewerbesteuer haben, zu kompensieren.

Herr Jakobs, was halten Sie von der Möglichkeit der Mietobergrenzen, um eine soziale Mischung innerhalb der Stadt zu gewährleisten?

Da haben wir nur wenige Instrumente. … Wir entlassen jetzt beispielsweise das Holländerviertel aus dem Sanierungsgebiet und dann gelten wieder die Marktgesetze. Aber das ist es, was wir indirekt als Steuerungsmittel mit einsetzen, um der explosionsartigen Entwicklung von Mietpreisen entgegen zu wirken. Wenn wir das nur dem Markt überlassen hätten, was meinen Sie, was da heute schon für Preise aufgerufen worden wären.

Nun haben wir die reale Situation, dass ein richtiger Bevölkerungswechsel stattgefunden hat,

zu 60 % etwa sagt die Statistik. Ist das ein Prozess, den Sie so wollten?

Was wir dafür getan haben ist, dass wir sehr viel unternommen haben, um diese Stadt attraktiv zu machen. Sowohl was die Sanierungsmaßnahmen angeht, die Sicherung der wertvollen Bausubstanz, die Sicherung der entsprechenden Infrastruktur, der sozialen Infrastruktur. Das hat mir immer sehr am Herzen gelegen, dass man die auch gleich mit sichert. Ich glaube, dass das durchaus gelungen ist, auch die Mischung zwischen beidem.

Gibt es diese Mischung wirklich? Oder gibt es zwei verschiedene Potsdam?

Sie sind gemischt, aber sie sind nicht so gemischt, dass das alles beliebig wäre.

Und natürlich können Sie die sowohl räumlich als auch kulturell unterschiedlich verorten. Aber ich glaube immer noch, dass es gegenseitige Berührungspunkte gibt. Die große Gefahr, die in Potsdam existiert ist die, dass sich diese Dinge auseinander bewegen. Dass der eine dann mit dem anderen nichts mehr zu tun haben will. Also dass es keine Berührungspunkte mehr gibt. Dann würde eine Situation entstehen, dass man überhaupt keine Verbindungslinie mehr hätte.

Wäre es dann nicht Symbol trächtiger gewesen, das neue Flüchtlingsheim in die Berliner Vorstadt zu verlegen?

Ja, wäre auch ein guter Vorschlag gewesen. Aber da gab es keine Angebote. Sie können mir glauben, ich habe das Angebot auch nicht gemacht, dass das Asylbewerberheim in den Schlaatz kommt, sondern das ist uns so präsentiert worden.

Herr Jakobs, einen Schlusssatz vielleicht zur Zukunft von Potsdam? Einen, der nicht wie in einem Interview mit der Sonntagszeitung nur alle tollen neuen Bauwerke aufzählt, die noch gebaut werden sollen?

Was ich mir wünsche und wofür ich mich einsetzen werde ist, dass wir dann eine gute Mischung unterschiedlicher Gruppen in der Stadt haben, eine gemischte Altersstruktur – nicht eine Rentnerstadt, aber auch nicht nur diese jungen aufstrebenden Yuppis – und eine ausgewogene soziale Situation.

Und – was vor allen Dingen für mich wichtig wäre – dass wir Mitte 2018 die Potsdamer Mitte fertig haben werden und das wirklich ein Anziehungspunkt für die unterschiedlichsten Menschen in der Stadt und als Identifikationspunkt erlebt wird.

Danke für das Gespräch!

2 comments to „Es ist so, wie es ist.“

  • Gerd Ressmann

    Es ist schon bemerkenswert, dass sich ein Oberbürgermeister hinstellt und erklärt, dass er gegen die Fehlentwicklungen nichts unternehmen kann. Da fragt man sich, warum er denn den Posten anstrebt, wenn er selbst der Meinung ist, dass er nichts ändern kann. Das ist doch keine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im Stadthaus, sondern eine große Verpflichtung. Ein echtes Armutszeugnis so ein Spruch.

  • Ines Paul

    Das sehe ich aber genauso. Wir bezahlen doch keinen Ruheposten für jemand, der völlig unmotiviert ist, die Probleme der Potsdamer anzupacken.