„Es ist so, wie es ist.“

Interview mit Oberbürgermeister Jann Jakobs – Teil 1: Thema Jugend- und Soziokultur

Guten Tag, Herr Jakobs! Ich bin jetzt 20 Jahre alt. Stellen Sie sich vor, Sie wären 20 Jahre alt.

Was würden Sie denn am Wochenende so unternehmen?

Also was ich auf alle Fälle in Anspruch nehmen würde, wäre das Konzertprogramm und die Angebote des Waschhauses. Auch das Kinoprogramm, insbesondere des Thalia in Babelsberg.

Reizvoll an Potsdam finde ich die wunderschönen Freiflächen. Gerade wenn so schönes Wetter ist, wie jetzt. Ich würde mit Sicherheit schwimmen gehen am Heiligen See und mich dort auch hinlagern und würde das genießen – gar keine Frage. Was ich auf alle Fälle aber auch tun würde, wäre das eine oder andere Mal nach Berlin zu fahren. Ich finde, so eine Millionenstadt vor der Tür zu haben, ist nochmal ein besonderes Angebot. …

Das Spartacus gibt es ja in dem Sinne im Augenblick nicht mehr. Das Archiv kenne ich übrigens auch, weil ich damals mit dafür gesorgt habe, dass die überhaupt bleiben konnten.

Wie viele Potsdamer Promis – vom Heiligen See z.B. – haben eigentlich schon etwas für solche Jugend- Kulturprojekte in Potsdam gespendet?

Das weiß ich nicht. Das kann ich nicht sagen, weil niemand verpflichtet ist, mir gegenüber zu sagen, wo sie welche Mittel hingeben. Aber ich kann Ihnen schon sagen, dass es eine Menge Menschen gibt, denen die soziale Entwicklung sehr am Herzen liegt. Da darf man auch nicht immer in die Berliner Vorstadt gucken, sondern da muss man gucken, was ist denn städtischerseits schon getan worden. …

Also wir haben durchaus was mit befördert: Dortustrasse, Uhlandstrasse 24, Olga und Sputnik, die städtischen Gesellschaften sind da kooperative Partner auch für alternative Projekte. Die Zeppelinstraße: das ist von der ProPotsdam zur Verfügung gestellt worden. Ich kann Ihnen eins sagen, alle Potsdamerinnen und Potsdamer finden das auch nicht toll, wie das von außen aussieht. …

Wenn man solche Projekte sanieren will, dann braucht man dafür entsprechende finanzielle Mittel und da zielte die Frage hin. Könnte das nicht auch ein Zielobjekt sozialer, kultureller Spenden sein?

Ja, dann muss man werben. Das klingt so ein bisschen wie ein Vorwurf in meine Richtung oder an die diejenigen, die am Heiligen See wohnen. Diese Leute bewegen viel in dieser Stadt. Sie engagieren sich im kulturellen Bereich, was die Potsdamer Mitte angeht. …

Das Entscheidende ist, dass man sich mit solchen längerfristigen Projekten intensiv aneinander setzen muss, Konzepte versuchen muss zu realisieren. Das ist ein Stück Arbeit. Und das heißt auch, wenn man Eigentümer ist, sich natürlich für eine längere Zeit verpflichten muss, diese Verbindlichkeiten einzuhalten. Wir sind in einem anderen Alter und wir können uns auch langfristig binden. Als Zwanzigjähriger hätte ich das nicht gemacht, weil ich gar nicht gewusst hätte, wozu ich in 5 Jahren Lust habe.

Fast alle Projekte, die Sie jetzt genannt haben, sind genau so eine Verpflichtung längst eingegangen. Es gibt Pachtverträge, GmbH , gekaufte Objekte…?

Ich finde das ja auch in Ordnung, wenn das jemand tut. Also ich würde das in dem Lebensalter nicht tun. Ich habe nur eine objektive Schwierigkeit beschrieben, dass ich manches schlichtweg nicht haben kann wenn ich nicht bereit bin mich längerfristig einzulassen. … Dass wir es mit Situationen zu tun haben, wo Menschen sagen: ich hätte gern dieses oder jenes. Wir aber auf der anderen Seite sehr komplexe eigentumsrechtliche, sanierungsrechtliche, baurechtliche Strukturen haben, die mit dem was ich vielleicht spontan will, nicht in Einklang bringen kann. Ob es das Projekt Freiland ist, wo die Leute möglichst wenig Vorbestimmtes haben wollen, um sich ein Stück weit selber zu verwirklichen. Ich weiß aber, dass das einen großen Batzen Geld kostet, wenn man es realisieren will, dass die Stadt und die Stadtwerke dort investieren müssen, weil es einfach baurechtliche Vorschriften gibt, die ich nicht erfunden habe, die aber verbindlich sind.

Können Sie sich eine Eigeninitiative vorstellen und die Beteiligung an einem Aufruf, z. B. 20 Millionen Spenden für ein selbst organisiertes innerstädtisches Jugendkulturprojekt?

Klar kann ich mir das vorstellen.

(Wir werden ihn beim Wort nehmen!)

Nun wird uns ja bei jeder Diskussion die „Schiffbauergasse“ als Alternative und das „Soziokulturelle Zentrum“ empfohlen. Inwiefern wurden denn bei diesem Projekt im Vorhinein Jugendliche eingebunden?

Wir haben es ja mit einer vollkommen neuen Mischung zu tun an diesem Standort. Wir haben da die etablierten Unternehmen wie ORACLE, VW-Design-Center, die natürlich erst mal von diesem Standort angesprochen sind. Oder das Theater. Dann haben wir die Tanzfabrik, das Waschhaus. …

Die Jugendlichen sind ja mit eingebunden gewesen. Die Leute, die waren mit eingebunden – nur mit dem Unterschied, dass die heute keine Anfang 20 mehr sind, sondern mittlerweile Anfang 40 und schlichtweg in einer ganz anderen Lebenssituation. Der Punkt ist vielleicht – und das muss man selbstkritisch sehen – das nicht alle kapiert haben, dass da auch Leute nachkommen, die sagen, was hab ich denn damit zu tun, das ist ja nicht meine Welt. Nur man muss auch feststellen, dass das offensichtlich den Bedürfnissen der nachwachsenden jungen Generation nicht mehr gerecht wird. …

Wird da nicht auch die Jugendarbeit viel zu sehr einer Marktabhängigkeit unterworfen, das es sich rechnen muss? Wenn man im Waschhaus 20 € für eine Konzertkarte bezahlen muss, ist es doch logisch, dass immer weniger Jugendliche hingehen? …

Mir kann keiner erzählen, dass das Waschhaus um zu überleben regelmäßig Konzerte durchführen muss, wo die 20 Euro einnehmen, das ist schlichtweg nicht wahr. Da müssen wir uns sehr kritisch hinsetzen und fragen, was habt Ihr für eine Struktur, wer macht da was. …

Und was da aus dem Ruder gelaufen ist, war, dass ein erwerbswirtschaftlicher Teil und ein gemeinnütziger Teil miteinander vermuschelt worden sind. Das darf nicht sein. …Dann ist natürlich das Ende angesagt – das ist ja klar.

Wäre das also nicht ein Anlass dafür, den gesamtem Ansatz kritisch zu hinterfragen? Schwerpunktorte, wo sie alle hingehen und was angeboten kriegen- konträr zu vielen, vielen verschiedenen kleinen Freiräumen, wo die Jugendlichen selber gestalten können.

Ja, ja, das ist richtig und Sie haben auch recht, dass wir diese Diskussion kritisch führen müssen, weil wir nicht aufmerksam und sensibel genug gewesen sind. Und daraus haben wir insoweit gelernt, dass wir den Versuch unternommen haben, den Diskussions- oder Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. Und deshalb glaube ich, ist das mit dem Projekt Freiland ein richtiger Ansatz. Aber ich möchte zwei Dinge da realisieren. Ich möchte erstens verhindern, dass wir etwas etablieren, was nicht in sich tragfähig ist. Weil dann haben wir automatisch die Situation, die wir mit dem Lindenpark und dem Waschhaus gehabt haben. Da ist ja nicht wenig an Mitteln reingeflossen. Aber das war schlecht gemanagt. Das Zweite ist, dass dort nicht eine Situation wiederholt wird, wie wir es in der Schiffbauergasse gehabt haben. Das für bestimmte Leute was geschaffen wird, die können sich da austoben. Die definieren das für sich und in 15 Jahren kommen die nächsten, die sagen: wir brauchen jetzt wieder was ganz anderes. …OB gibt uns eine Fläche, wir wollen uns selber etablieren. …

Und wenn Sie dann mit Entwicklungen zu tun haben, die auch dazu führen, dass Potsdam mittlerweile ein teures Pflaster geworden ist, dann haben Sie kaum noch Möglichkeiten, gestaltend etwas wirklich absolut Neuartiges zu etablieren.

Aber wäre die Zeit nicht reif dafür, tatsächlich ein Sanierungs- oder Bauprogramm für gemeinschaftliche Kultur- und Wohnprojekte in Potsdam aufzulegen? So, wie sie der neue Träger des Lindenpark, das SPI in Berlin betreut hat!?

Was nicht funktioniert, ist dass Sie Modelle, die woanders funktionieren, oktruieren.

Sondern, das muss man sich ein Stück weit selber erarbeiten. Das ist heute anders als vor 15 Jahren.

Wo in Potsdam ein Haus nach dem anderen besetzt war, da war ja auch ein ganz anderer öffentlicher und politischer Druck. … Wir hatten damals eine absolute Aufbruchsituation. Da gab es ein weites Feld an Gestaltungsräumen. Nur dieses Feld der Gestaltungsräume wird immer enger.

Zumindest haben wir jetzt im Konsens festgestellt, dass der Freiraum geringer geworden ist?!

Also wer das leugnet, der ist nicht von dieser Welt.interview_hp

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