Wenn mensch im Museum lebt, braucht es keine Zukunft mehr

Potsdam ist schön, Potsdam ist beliebt, Potsdam prosperiert an allen Ecken und Enden. Überall wird gebaut, erneuert, verschönert. Potsdamer Bürger_innen sind im Durchschnitt vergleichsweise wohlhabend. In den zahllosen Städte-Ranglisten liegt Potsdam regelmäßig auf vorderen Plätzen, in Erinnerung ist hier vor allem das Attribut „Kinderfreundlichste Stadt Deutschlands“. Und dennoch macht sich bei vielen Potsdamer_innen nicht erst seit der Entscheidung des brandenburgischen Landtages und der Stadtverordneten von Potsdam, den Landtag in Form des historischen Stadtschlosses wieder aufzubauen, eine deutlich spürbare Skepsis bezüglich der Entwicklung unserer Heimatstadt breit.

Sucht der/die unvoreingenommene Betrachter_in die Ursachen für den Unmut, der sich beispielsweise in der Demonstration „für Freiräume und gegen Schlossträume“ von immerhin 1.500 überwiegend jungen Potsdamer_innen im November 2008 ausdrückte, so fällt ein Aspekt besonders ins Auge. Es fehlt der Stadt und ihren Bewohner_inen an einer gemeinsamen Identität. Potsdam ist fragmentiert in Norden und Süden, in Altbau, neue Einfamilienhaus-Wohngebiete und in Plattenbaugebiete, in Einheimische, Alt- und Neuzugereiste. Es gibt eine große Fraktion der an den Rand gedrängten „Wendeverlierer_innen“ und die verhältnismäßig kleine Fraktion der Promis und überdurchschnittlich Wohlhabenden. Alle diese Kategorien von Potsdamern haben vielfältige Interessen und Vielfalt ist eigentlich erfreulich. Doch in einem Aspekt teilt sich die Stadt in zwei Teile: Ein nicht unerheblicher Teil der Potsdamer_innen und ihrer Politiker_innen versucht, durch Rückbesinnung auf die historische Bebauung und Bedeutung Potsdams Identität zu stiften. Ein anderer nicht unerheblicher Teil der Potsdamer_innen möchte – sicherlich auch durch das nahe Berlin und durch die Vergleiche zu anderen europäischen Städten inspiriert – eine moderne, neue Identität jenseits der Vorstellungen der „Traditionalist_innen“ entwickeln.

Deutlich wird die Bruchlinie zwischen den Lagern an den regelmäßigen Auseinandersetzungen rund um die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, welche die historischen Parkanlagen verwaltet, pflegt und bewirtschaftet. Es vergeht nahezu keine Woche, in der nicht Leserbriefe zum Thema in den Potsdamer Tageszeitungen erscheinen. Die Stiftung behandelt die alltäglichen Anliegen der Anwohner_innen der Parks von oben herab, manchmal tatsächlich mit absolutistischer Attitüde. Da wird das jahrzehntelang praktizierte Fahrradfahren untersagt, das auf der Wiese liegen ebenso und das Ball spielen sowieso. Wer in den Schlossparks fotografiert, soll an die Stiftung löhnen, obwohl jede/r Steuerzahler_in in Deutschland bereits für die Stiftung aufkommt. Zu guterletzt soll auch noch das traditionsreiche Karl-Liebknecht-Stadion in Babelsberg geschliffen werden. Auch das Strandbad Babelsberg wollte die Stiftung kassieren. Beide Einrichtungen liegen seit über 80 Jahren (Karli) im Welterbe bzw. in dessen Umgebungsschutz und einer „historischen“, weil nicht mehr vorhandenen Sichtachse und Potsdam ist mit beiden Einrichtungen in die Welterbeliste eingetragen worden.

Die Meinungen der Leserbriefschreiber_innen beider Lager, am Beispiel Karl-Liebknecht-Stadion sind ebenso eindeutig wie gleichermaßen unversöhnlich: „Wie könnt „Ihr“ den Welterbestatus und das Image unseres „schönen“ Potsdam wegen „Eurem“ blöden Sportplatz aufs Spiel setzen?“ fragen die einen, während die anderen sagen: „Wenn das so weitergeht, wird Potsdam eines Tages als Freilichtmuseum nur noch mit Filzlatschen zu betreten sein.“

Nun würde mensch denken, ein solcher Konfliktfall wäre geradezu geeignet für den politischen Meinungsstreit und den Streit um eine im Konsens getragene Identität für die ganze Stadt. Wahlweise würde es sich für eine verantwortungsvolle Stadtpolitik auch anbieten, zwischen den unterschiedlichen Interessen zu vermitteln. Doch in Potsdam ducken sich die verantwortlichen Stadtverwalter_innen lieber weg. Der Bürgermeister und die Beigeordneten haben häufig einfach gar keine Meinung oder behalten diese lieber für sich. Da wird lieber eine Umfrage fingiert, wie es beim Stadtschloss praktiziert und auch für die den Uferweg Griebnitzsee vorgeschlagen wurde. Eine klare Haltung will sich zwecks Machterhalt niemand leisten. Schließlich könnte mensch einen Teil der Wähler_innen verlieren.

So schwelt der Streit der Interessengruppen vor sich hin und die, die es sich leisten können, oder die, die den notwendigen Einfluss haben, bestimmen letztlich den Lauf der Dinge. Eine schlichte Baugenehmigung für ein modernes Mehrfamilienhaus im Nobelviertel am Heiligen See wird per Verfügung des Ministeriums für Infrastruktur und Raumordnung kassiert, weil die prominenten Anwohner_innen den Draht dorthin haben, die Bauherr_innen aber nicht. Am Griebnitzsee schließen die Eigentümer_innnen den ehemaligen Postenweg und enteignen „das Volk“ – der Bürgermeister will in einem Anflug von Trotz das Gemeinwohl durchsetzen, wird aber – kaum hat er „Enteignung“ gesagt – von der „historischen“ Rathauskoalition zurück gepfiffen. Die Hausprojekte an der Zeppelinstraße werden kriminalisiert und das Spartacus geschlossen. Und die Schlösserstiftung platziert in den Potsdamer Neuesten Nachrichten tendenziöse Presseartikel hinsichtlich der vermeintlichen Gefährdung des Weltkulturerbes durch Pläne zur Sanierung des Karl-Liebknecht-Stadions. Ganz nebenbei beruft sich die Schlösserstiftung auf einen Kaufvertrag mit der Stadt Babelsberg von 1934 und stellt sich hier, wider besseres Wissens, in die Rechtsnachfolge der ehemaligen staatlichen Verwaltungen der Schlösser und Gärten aus DDR- bzw. Weimarer Zeiten. Na zumindest geistig liegt die „Nachfolge-Organisation“ nicht so weit weg von den Vorgängern.

Derweil verrinnt die Hoffnung auf Besserung. Die politischen Parteien züchten bereits die nächste Generation von Berufspolitiker_innen ohne Haltung und Idee heran. Egal ob CDU, PDS oder SPD: Überall tummeln sich ehemalige oder aktive, gut bezahlte Referente_innen von Landtagsabgeordneten, die schön viel Zeit damit verbringen, sich in den politischen Grabenkämpfen in Stellung zu bringen. So wird der notwendige Moderationsprozess zwischen den traditionellen und den modernen Potsdamer_innen auch zukünftig nicht stattfinden. Es sei denn, es wird endlich begriffen, was diese Stadt am dringendsten benötigt: Einen Ausgleich zwischen den Interessen und eine Moderation zwischen den Gruppen. Nichts spricht gegen das Stadtschloss, wenn auch die Subkultur ihren Platz hat.
(jb)


Mehr Infos zum Karl-Liebknecht-Stadion: www.pro-karli.de

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