„Am Hacken habt ihr uns sowieso“

Wiederstand gegen die Verdenkmalung eines Volksparks

Ein großer Teil unserer Stadt besteht aus Flächen, die von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) verwaltet wird. Diese 1994, von den Ländern Berlin und Brandenburg sowie vom Bund gegründete Stiftung, ist über die Stiftungsanlagenverordnung mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet. Demokratischer Kontrolle unterliegt die Stiftung dabei nicht. Vielmehr ist der Direktor der Stiftung, Hartmut Dorgerloh u.a. ermächtigt, Parkordnungen zu erlassen, Verwaltungskontrollinstanzen wie die untere Naturschutzbehörde und Denkmalschutzbehörde haben auf dem Stiftungsgelände nur noch wenige Eingriffsmöglichkeiten.

am-hacken_hpGrundlage des Handelns der Stiftung ist die 1981 verabschiedete „Charta von Florenz“. Diese soll den Umgang mit historischen Parkanlagen von internationaler Bedeutung regeln. Die SPSG legt die Charta aber einseitig dahingehend aus, eine ganz bestimmte Zeitepoche wieder herzustellen und zu konservieren, nämlich die Hohenzollernzeit. Alle Änderungen der letzten hundert Jahre sollen rückgängig gemacht werden. Hierzu zählen nicht nur wertvolle und kerngesunde Bäume und Gehölze in den Parks , die einfach abgehackt werden, um Sichtachsen freizulegen, die noch nicht einmal historisch sein müssen, sondern lediglich einmal geplant waren. Und oft steht auch der Bezugspunkt, auf den die Sicht einmal führen sollte, nicht mehr oder ist längst zugebaut. Die Planungen dazu legt die Stiftung nicht offen. Auch Bauwerke, die im Schutzbereich der Parkanlagen entstanden, z.B. das Schwimmbad und die Marina, sollen weggerissen werden, die Uni-Gebäude sind zum großen Teil schon abgetragen.

Das Fehlen demokratischer Eingriffsmöglichkeiten bewirkt vielfältige Konflikte zwischen den Interessen der in Potsdam lebenden Menschen und der Stiftung. 2007 sollte das Radfahren verboten werden, es wurden sogenannte Fahrradschiebestrecken eingerichtet, auf dem größten Teil der Wege sollte das Mitführen von Fahrrädern komplett untersagt sein. Die Wiesen sollten nicht mehr betreten werden dürfen, unabhängig davon, ob sie besonders schützenswert waren oder nicht. park1-1_hp

In dieser Situation entstand, frei nach dem oben genannten Motto „ Am Hacken habt ihr uns sowieso!“ die Bürgerinitiative (BI) Babelsberger Park. Diese sammelte gegen die neue Parkordnung 10 000 Unterschriften, organisierte Fahrraddemos und Protestpicknicks im Park. In äußerst langwierigen Verhandlungen wurden der Stiftung weitgehende Kompromisse beim Thema Radfahren und weniger weitgehende beim Thema Wiesennutzung abgenötigt. Diese Regelungen gelten allerdings nur für eine Probephase, die bis Ende 2009 läuft. Die BI Babelsberger Park geht davon aus, dass dann wieder ein Versuch der Stiftung zu erwarten ist, drastische Einschränkungen für die Bürger der Stadt und zum Beispiel auch einen Parkeintritt durchzusetzen.

Noch weiter geht ein neuer Vorstoß, der jetzt von der UNESCO-Weltkulturabteilung begonnen wurde: auch außerhalb der Parks soll nun alles den Interessen der Stiftung und der Denkmalschützer_innen unterworfen werden.

Nach diesen Vorstellungen soll ein Drittel des Potsdamer Stadtgebietes als schützende Pufferzone rund um die 13 Quadratkilometer der ausgewiesenen Potsdamer UNESCO-Welterbestätten definiert werden. Seit 2006 fordern die Welterbehüter_innen die formelle Ausweisung solcher Schutzzonen für die Bau- und Naturgüter mittels einer Verwaltungsvereinbarung zwischen den Denkmalschutzbehörden der Landeshauptstadt und des Landes sowie der Schlösserstiftung.park_hp

Es geht vor allem um die Baugenehmigungsverfahren in der 54 Quadratkilometer großen Zone. Eine restriktive Vereinbarung würde große Teile der Stadt wegen gefährdeter Sichtachsen praktisch unbebaubar machen.

Ebenfalls Thema für die BI Babelsberger Park ist die Nutzung der, durch den Umbau der Nutheschnellstrasse freiwerdenden, Flächen vor dem Park, die derzeit noch der Stadt gehören. Die Stadt möchte auch diese Flächen an die Stiftung übertragen. Derzeit befinden sich auf diesem Grundstück der einzige Hundeauslaufplatz Babelsbergs, ein in Eigeninitiative von Fussballfreunden geschaffener Bolzplatz, das im Herbst besetzte Kulturprojekt „La Datscha“ und eine viel genutzte Schaukel. Es handelt sich hierbei um die letzten Freiflächen in Babelsberg. Gehen diese an die Stiftung, soll dort „lockerer Baum und Strauchbestand“ dem Auge schmeicheln. Die BI Babelsberger Park und auch der Fussballverein Babelsberg 03 haben Einwende gegen die Bebauungspläne, die die Übergabe an die Stiftung vorsehen, eingelegt. Angestrebt wird eine Nutzung für den Breitensport, auch als Aufenthaltsort für junge Menschen und Familien, die mal einen Grill anwerfen wollen, und denen das in ihren plattsanierten Hinterhöfen immer öfter untersagt ist, wäre das Areal geeignet.

Welche Auswirkungen durch eine Rückbebauung zur preußischen Puppenstube für die Bürger entstehen, kann man derzeit an der Stadtschlossbaustelle beobachten.

Weitere Infos und Kontakt zur BI Babelsberger Park:

www.babelsberger-park.de

(ak)

2 comments to „Am Hacken habt ihr uns sowieso“

  • Steven

    Hallo,
    Ich freue mich, dass es eine solche Zeitung nun gibt.
    Mir fallen eine ganze Reihe weiterer Themen ein, die auch mal thematisiert werden sollten:

    1. das ehemalige Hans-Otto-Theater ist von der Stadt an die SPSG verkauft worden.

    Lage und Größe des Hauses wären gut geeignet gewesen, dort Bürgerinteressen umzusetzen:
    Es fehlen in Potsdam West Gruppenräume, Räume für Veranstaltungen, Jugendräume.
    Die Stadt hat hier ein Filetstück aus der Hand gegeben, der königliche Hof wächst in das Wohnviertel
    Brandenburger Vorstadt hinein und nimmt Raum, der bisher durchaus kulturell von privaten Initiativen
    gefüllt ist.
    Die Theaterklause hat sich in den letzten Jahren zu einem inoffiziellen Zentrum für die Bewohner
    der Brandenburger Vorstadt entwickelt, Konzerte, Parties usw. finden hier aus der Initiative der Menschen aus der Umgebung statt.
    Mitte 2010 wird das Aus hier erwartet,
    entstehen soll dort ein Zentrum der SPSG mit Werkstätten, Tagungshaus, evtl ein weiteres Touristisches Zentrum.

    2. Der so genannte „Bürgerbahnhof“ (Bahnhof „Sanssouci“) wird an den Investor gegeben, der bereits das Krongut Bornstedt entwickelt hat.
    Nach jahrelangem Bemühen des gemeinnützigen Vereins „Rosenweiß“, dieses Haus von der Stadt zu übernehmen,
    und obwohl ein ausgereiftes Konzept zur Nutzung vorlag, hat die Stadt am Ende die Ideen nicht berücksichtigt.

    pikant: vor einigen Jahren hatte die Stadt Potsdam das Bahnhofsgebäude von der SPSG für einen Euro (!) übernommen,
    nun, nach mehreren Jahren Verfall, wollte Sie für das jetzt endgültig zur Ruine verfallenene Haus 200 000 Euro;
    Mehrere Sponsoren waren bereit, die Sanierung zu bezahlen, den Kaufpreis wollte aber beim besten Willen niemand der Stadt
    hinterherwerfen.

    3. Mit großem Interesse sehe ich die Aktionen im Babelsberger Park.
    Schon öfter habe ich bedauert, dass es hier in Potsdam West nicht ähnlich mutige kontinuierliche Aktionen im Park Sanssouci gibt.
    Die Anwohner am Garten des Königs empören sich zwar auch, aber es gibt nicht die Mobilisierung zu Aktionen.

    Macht weiter, ich hoffe, es wird mehr Ausgaben von „Hallo Potsdam“ geben,
    um die Vielfalt der kritischen Stimmen in Potsdam hörbar zu machen!
    Für eine bunte und lebendige Stadt Potsdam!

  • Jörg

    Hallo Potsdam ist sehr gelungen, auch wenn ich das eine oder andere nicht ganz so sehe. Keinen Zweifel kann es geben, dass der ehemalige Zirkusplatz am Babelsberger Park unbedingt für Sport- und Spielflächen benötigt wird. In Babelsberg gibt es ja immer mehr Familien und die Schlösserstiftung muss sich dran gewöhnen, dass ihr nicht die ganze Stadt gehört.