Was hat das alles mit Potsdam zu tun?

Über die Möglichkeiten eines gewaltigen revolutionären Flächenbrandes durch Jugendliche in Potsdam

Das Schulattentat in Winnenden versetzt das mediatisierte Publikum (nicht nur) in Deutschland in einen Schockzustand. Die Sensationspresse stürzt sich auf das Thema und beleuchtet dabei jedes noch so unwichtige Detail aus der persönlichen Biographie des jugendlichen Täters. Denn den Bürger_Innen in der BRD will mensch vor allem glauben machen, dass die Motive für dieses schreckliche Massaker individueller Art sind und nicht übertragbar auf die Haltung einer Generation von jungen Menschen von heute….

Aber – was hat das alles mit Potsdam zu tun?

Betrachten wir das Geschehen mal aus der Makro-Perspektive! Nehmen wir einfach mal an, dass diese und die vergleichbaren Vorgängertaten, auf deren Handlungslogik ja die Polizei mittlerweile für künftige operative Einsätze ausgiebig geschult worden ist, wären eine Art säkularer (heißt sinngemäß: nicht-christlicher) Reflex auf die täglich über die Medien berichteten Selbstmordattentate im Iran, Afghanistan, Pakistan …

Dann führen wir nämlich eine gänzlich neue Diskussion, darüber, dass wir es mit den negativen Konsequenzen des so genannten Globalisierungseffektes zu tun haben….

Aber – was hat das alles mit Potsdam zu tun?

In einem föderalen Staat wie der BRD, in der sich Bund und Länder die staatlichen Aufgaben teilen, verwehren sich Landespolitiker_Innen gerne implizit der Vorstellung, dass Vorfälle wie der oben beschriebene in ihrem Herrschaftsbereich möglich wären. Überhaupt neigen bekanntlich Politiker_Innen zwar dazu, auf derartige über journalistische Fokussierung hochgepeitschte Horrorszenarien diskursiv zu reagieren, um sich dann nach kurzfristiger gesetzlicher Schönheitskosmetik aber wieder den alltäglichen Problemen zuzuwenden. Sie setzen also auf Zeit…

Aber – was hat das alles mit Potsdam zu tun?

Überhaupt! Wie reagieren denn neben der Politik die anderen mit Jugendgewalt befassten Institutionen auf jene Ereignisse?

Dabei begegnen wir durchgängig einem interessanten herrschaftlichen Prinzip: dem der Sprache. Im Laufe unserer jahrhundertlangen Entwicklung haben wir uns in Europa (darauf weisen unsere großen Historiker_Innen immer wieder gerne hin) zivilisiert – also: die physische Gewalt durch Sprachgewalt zunehmend ersetzt. Wir reden statt uns zu schlagen – von gewissen historischen Zäsuren mal abgesehen.

Aber – was….?

Jedes Teilsystem unserer Gesellschaft geht nun (sprachlich gesehen) mit einem anderen eine Verbindung ein (Luhmann nennt dies dann strukturelle Kopplung).

Beispiel gefällig? Polizei hat sich ihres militärischen Sprachduktus längst entledigt und macht nun einen auf Sozialarbeit. Repräsentatives Wort des Jahres ist da wohl das `Prinzip der Deeskalation`; was sie allerdings nicht daran hindert, mit dem Totschlagargument terroristischer Bedrohung ihren Repressionsapparat mehr denn je zu stärken.

Sozialarbeit wiederum bedient sich nach christlich dogmatischem (50`er Jahre in der alten BRD) und politischem (DDR wie BRD der 60`er und 70´er Jahre) Sprachdiebstahls nunmehr der betriebswirtschaftlichen Semantik. Effizienz und Kontrolle, gGmbH`s und Freiberufler_Innen suggerieren in den Zeiten heraufziehender globaler Weltwirtschaftskrise, dass soziale Arbeit steuerbar und messbar ist und sich auch endlich wirtschaftlich lohnt.

Aber – was hat das alles mit Potsdam zu tun?

Ganz einfach:

Potsdamer Jugendliche kämpfen seit nunmehr fast einem Jahr um ihre kulturellen Freiräume. Die Exekutive um den vom fachlich schlecht beratenen OB Jakobs (der ironischerweise auch noch Sozialarbeiter ist) setzt auf Zeit. 10 Punkte Plan, Freiland, Spartakus, S13, Cafe Mocca – nichts kommt in die Gänge.

Die Polizei übt sich in Gewalt – siehe Räumung der Skaterhalle. Der Schutzbereich Potsdam schickt die Berliner Hautruppe vor, um sich in Potsdam ihrer gewaltfreien sprachlichen Strategie treu bleiben zu können.

Das Jugendamt profiliert sich in ihrem Zukunftsprojekt der Sozialräume, während in deren Arkanbereichen sich die Jugend Potsdams derweil angesichts des status quo `Nichts bewegt sich` über die Legitimation der Anwendung physischer Gewalt in Potsdam verständigt….

(nm)

1 comment to Was hat das alles mit Potsdam zu tun?

  • Kommunist

    Was hat das alles mit der Wirklichkeit zu tun?!; Über den soziologischen Scheiß-Dreck der Natascha Manowicz

    Ein kleiner Tipp am Anfang: Wir leben in einer beschissenen Gesellschaft, dem Kapitalismus. Hat irgendeine der Gesellschaftswissenschaften dies einmal unumwunden festgestellt, mit Blick auf die ökonomischen Notwendigkeiten, die dies bedingen, um dann anstatt nach staatlichen Ordnungsmaßnahmen oder mehr Eigeninitiative der Geschädigten beim Zurechtkommen auf eine vernünftigere Einrichtung des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu pochen? Nein, niemals. Soviel sei zu der Sinnhaftigkeit des Unterfangens gesagt, mit dem Blödsinn, dem einen das Arschloch von Soziologie-Professor beibringt, auf die Welt loszugehen.

    Aber – was hat das alles mit der Wirklichkeit zu tun?

    Doch sehen wir’s mal aus der Makro-Perspektive (Weber, Coleman, Hempel-Oppenheim, viele weitere…)! Nehmen wir also mal, wie Manowicz an, die Jugendlichen, die da school shootings reißen und jede Menge ihrer Lehrer und Mitschüler abknallen, tun dies, weil sie im Fernsehen etwas über „Selbstmordattentate im Iran (wann, wo?!), Afghanistan oder Pakistan“ gesehen hätten. Warum aus der schlichten Kenntnis solcher Attentate eine Nachahmung – und dann aber auch nur bei gewissen Schülern – erfolgen soll, diese Einsicht liefert die Autorin leider nicht mit. Mich persönlich würde interessieren, ob sie diese schwammige Verwendung des Makro-Mikro(-Makro)-Modells auch in der Uni beibebracht bekommen hat oder ob sie nur gerne wissenschaftlichen Theorien Gewalt antut. Wenn man letzteres annimmt, ließe sich zumindest erklären, weshalb sie sich den Übergang von gesellschaftlicher Makro-Ebene auf die individuelle Mikro-Ebene, die dazugehörige Konstruktion von Brücken-Hypothesen, die das Problem lösen sollen, warum Individuen aus der großen Zahl der möglichen Handlungen eine bestimmte Wählen (zum Beispiel school shooting) und eine Reflektion über das „Problem der Situation“, also der gesellschaftlichen Verhältnisse, die auf das Individuum einwirken, komplett spart… Naja, immerhin hat sie sich nicht dazu verstiegen, eine Hypothese aufzustellen und sich damit begnügt, ein schlaues Wort aus der Uni – Makro-Ebene! – zu verwenden.

    Aber – was hat das alles mit der Wirklichkeit zu tun?

    Weiter geht der wilde Ritt mit dem Vorwurf, Politiker hierzulande würden auf Probleme wie Schul-Amokläufe ausschließlich mit „Schönheitsmaßnahmen“ und Worten (für Nicht-Eierköppe: „diskursiv“) reagieren. Schon eine ganz schöne Schweinerei: Schließlich könnte man den freien Verkauf von Waffen in der BRD unterbinden (…*hüstel*…), Metalldektetoren und Durchsuchungen an den Schulpforten einrichten oder umfangreiche psychologische Tests an den Schülern durchführen! Ein paar ordentliche Gesetzesanstrengungen sollten sich die Herren Politiker schon einfallen lassen! Die müssen dann auch nicht „schön“ sein…
    Eine grandiose Erkenntnis gibt es dazu: „Historiker haben bewiesen“, dass wir zivilisierten Europäer uns nicht mehr „hauen“, sondern Konflikte mit Worten lösen. Schon klar, deswegen bewacht ein riesiger staatlicher Gewalt-, Überwachungs- und Gesetzesapparat diese Gesellschaft; deswegen führen verschiedene „westlich-europäische“ Nationen rund um die Welt Kriege und Militäreinsätze, die allein im arabischen Raum in den letzten Jahren mehrere hunderttausende Tote geschaffen haben; deswegen steht die deutsche Armee an zig verschiedenen Orten in der Welt; die zwei Weltkriege mit ihren Millionen Toten und das deutsche Projekt der Judenvernichtung fällt für Natascha wohl unter „gewisse historische Zäsuren“… Was für eine „Barbarei“ muss da erst in den unzivilisierten nicht-westlichen Ländern herrschen!

    Aber – was hat das alles mit der Wirklichkeit zu tun?

    Nun geht es richtig in die Dreckberge der Soziologie: Der Wissenschaftler Luhmann hat sich darum verdient gemacht, die bürgerliche Gesellschaft in so viele verschiedene, allesamt inhaltsleere, also sich weder grundsätzlich durch ökonomische und/oder politische Abhängigkeits- oder Gewaltverhältnisse unterscheidende, „Systeme“ zu zerlegen, bis der große gesellschaftliche Zusammenhang – das kapitalistische Wirtschaften -, der wirklich jeden gesellschaftlichen Akteur in ein sein Leben bestimmendes Verhältnis zu den anderen Akteuren setzt – Arbeiter oder Kapitalist; zusätzlich die Konkurrenz der Arbeiter und Kapitalisten um Jobs und Profite untereinander – völlig verloren geht. Für Luhmann ist das „System“ Kindergarten nicht grundsätzlich vom „System“ Arbeitsmarkt oder vom „System“ Sprüher-Crew oder vom „System“ Gesellschaft an sich unterschieden. Eine Theorie mit großem Erkenntnissgehalt also, die es verdient, in einer linken Zeitschrift gewürdigt zu werden! Manowicz findet es unheimlich wichtig, wie sich diese „Systeme“, in diesem Fall Polizei-Apparat und Rest-Gesellschaft, untereinander beeinflussen. Ihre falsche Behauptung, innerhalb der Polizei gebe es keine (militärische) Spezialsprache mehr, wäre zur Bebilderung dieser These nicht notwendig gewesen. Wer spricht denn bitte im Alltagsleben von „Gruppen“, „Zügen“, „Hundertschaften“, „Einsatzleitern“, etc.?

    Aber – was hat das alles mit der Wirklichkeit zu tun?

    Aber was hat das denn nun bitte mit Potsdam zu tun?! „Ganz einfach“: Der Oberbürgermeister, „der ironischerweise auch noch Sozialarbeiter ist“, macht garnicht, wofür er eigentlich da ist, nämlich Freiräume schaffen und Jugendclubs eröffnen, die Potsdamer Polizei schickt die Berliner Prügelbullen, damit sie noch freundlich schwätzen kann (Diskurs! Sprache!; wen schicken eigentlich die Berliner Prügelbullen, wenn’s brennt? Ich denke, die haben ihre Sprache auch geändert…) und die Potsdamer Jugend verständigt sich „über die Legitimation der Anwendung physischer Gewalt„. So weit ist es in unserer schönen Demokratie schon gekommen, dass die Jugend schon so desillusioniert ist, dass sie den staatlich-legitimierten Gewaltanwendern die Butter vom Brot nehmen – Herr Oberbürgermeister, handeln sie endlich, bevor es zu spät ist!

    Fazit: Den „revolutionären Flächenbrand“ stellt sich die Autorin wahrscheinlich ebenso inhaltsleer und auf schwachsinnige Kategorien (zum Beispiel „Gewalt“, als würde die schlichte Verwendung dieses Mittels einen revolutionären Charakter machen) bezogen vor wie ihren Artikel. Und: Soziologen untersuchen solange eigens von ihnen erfundene, der Gesellschaft angedichtete Eigenschaften, „Strukturen“ und „Systeme“ bis ihre Untersuchungen und Ergebnisse kaum noch etwas mit der realen Gesellschaft zu tun haben. Dass sich trotzdem die wenigsten verwundert die Augen reiben und sich fragen, wie es denn nun dazu kommen konnte, beweist der besprochene Artikel. „Ganz einfach“, eben…