Rücke vor bis zum Schlossplatz

Das Monopoly-Brett Potsdam sah für linke Spielteilnehmer_innen lange Zeit düster aus: alle Bahnhöfe seit langem privatisiert; Elektrizitäts- und Wasserwerk verursachen bei Kontakt Kostenfaktor 200. Fast alle Straßen sind komplett in den Händen der Gegenspieler, die fleißig Häuser und Hotels bauen (oder Schlösser). Das Gefängnisfeld als ständige Bedrohung für die, die autoritäre Spielregeln nicht akzeptieren wollen. Und selbst das Park-Feld ist nicht mehr frei seitdem die Stiftung Preussische Schlösser und Gärten ihre Ordnung eingeführt hat.monopoly_hp1

Aber seit mehreren Jahren versuchen Freiraumaktivist_innen wieder verstärkt ins Potsdamer Spiel einzugreifen: eine erfolgreiche Be- und Umsetzung des neuen Freiraums „Villa Wildwuchs“; eine Freiraum-Demo mit 1500 TeilnehmerInnen; zwei Häuser, die per Erbpachtvertrag ihre Zukunft gesichert haben (Charlottenstr.28 und Dortustr. 65); zwei neue Hauskäufe im Mietshäuser Syndikat (Uhlandstr. 24 und Perspektiven e.V.), die Alternative Jugendkultur Potsdam (AJKP) mit Richtungsforderungen an die Stadt – das ist die seit der Phase der Häuserräumung wohl intensivste Entwicklungsphase. Eine neue Runde beginnt wohl.

Spätestens seit den ersten Ausgaben der „Potsdamned“ ist auch die Diskussion um alternative Freiräume wieder in vollem Gange. Und da sich die Auseinandersetzung bisher (korrekterweise) vor allem um Grenzen und Probleme der Freiraumbewegung drehte, ist es andererseits Spiel fördernd, sich auch wieder stärker Gedanken über das POTENTIAL und die PERSPEKTIVEN der Bewegung auszutauschen. Dieser Beitrag will Fragen zur (auch künftigen) Entwicklung der Freiraumkultur in Potsdam stellen und vor allem in Zeiten der Krise die Frage nach positiven Utopien wieder aufwerfen.

Eine kritische Eigenreflexion ist der erste Schritt zur Verbesserung der Spielstrategie. So gibt es in und zwischen den Projekten wieder eine intensive Diskussion zu eigenen Problemen und Defiziten: z.B. die tw. Abhängigkeit von öffentlicher Förderung, Vertragseinschränkungen, finanzieller Außendruck, Immobilien als Kapazitäten-Schlucker, die Differenz zw. politischem Anspruch und alltäglicher Wirklichkeit, das Inselproblem, das geringe Entwicklungstempo von Projekten uvm.. Das Vorhandensein der Vielzahl gravierender Probleme stellt aber nicht den ganzen Freiraum-Ansatz in Frage. Die Auseinandersetzung mit unseren Problemen ist ein wichtiger Prozess der Eigenqualifizierung, um in naher Zukunft mit Administration, Strukturentwicklung, Konfliktmanagement nicht mehr den Hauptteil der Zeit zu verbringen. Denn unser Ziel ist es, mit Frei-Räumen, freie Denk- und Handlungsmöglichkeiten zu schaffen, um gesellschaftlich und global eine solidarische Welt umzusetzen.

Zweiter Schritt das Spiel rumzureißen, ist die Definitionsmacht wieder zu erlangen. Der Begriff „Freiraum“ ist kein Terminus mehr, den vom Landschaftsplanungsamt bis zum städtischen Entwicklungsträger jeder benutzen konnte, um Investitionszonen künstlich aufzuwerten. Er ist auch keine leere linke Wortschleuder über den Schlossgraben mehr. Sondern ein durch die vielen Diskussionen in den letzten Monaten gut ausformulierter Begriff, der als Konzept eines solidarischen Lebensansatzes überzeugend genug als Alternative zum krisenhaften System fungieren kann. Und man kann ihn in viele verschiedene Projektformen gießen, wie Potsdams Freiraumszene zeigt.

Potsdam ist nicht Freiburg. Aber auch hier sind selbstorganisierte Freiraumprojekte keine entfernten, kriminalisierte oder instabilen Utopien mehr. Sondern real existierende Fakten. Aus der einst drittgrößten Hausbesetzer_innenszene Deutschlands ist eine fast ebenso große Freiraumszene geworden. In 13 Häusern leben mittlerweile über 180 Personen fest, ein Vielfaches an Aktiven engagiert sich in der Szene und sie wird um noch mehr UnterstützerInnen bestärkt. Diese Zahl (hat und) wird sich auch bei der Freiraumdemo etwa abbilden (6. Juni !!!). Und die Zahl der Mitspieler_innen steigt tendenziell.

Und die Zukunft? Kritiker könnten fragen, welches Projekt auf dem Monopoly-Feld Potsdam in den nächsten Jahren noch bestehen wird? Man könnte wagen zu behaupten: fast alle. Denn nicht nur die Kaufmodelle ala Mietshäuser Syndikat (4 Projekte) sondern auch die Erbbaupachtverträge haben die Häuser auf rechtlich feste Füße gestellt. Zudem gibt es mittlerweile einen großen Pool an Leuten mit nahezu allen Kompetenzen, die für lang funktionierende Projekte notwendig sind. Der Lernaustausch und praktische Hilfe zwischen den Projekten ist intensiv. Kooperation ist ein wichtiges taktisches Moment.

Und auch für die bekanntermaßen größte Herausforderung, eine langfristig solidarisch funktionierende Gruppe aufrecht zu erhalten, sind mit gegenseitiger Konfliktmoderation, Trainingsmöglichkeiten in Gewalt minimierender Kommunikation und Hierarchie minimierenden Gruppenmodellen ua. gute Ansätze zur Lösung gefunden. Und auch wenn einmal eine Gruppe nicht zueinander passt, gibt es die Möglichkeit des Wechsels in ein passenderes Projekt oder eine Neuausgründung, ohne dass das Potential der Person in der kollektiven Spielstrategie verloren gehen muss.

Es ist Zeit für eine eigene Spielanleitung. Ohne Zweifel hat sich die Freiraum-Szene fortentwickelt und es wurde einiges geschafft. Entwicklungen, die man sich ab und zu verinnerlichen sollte und die es auch Wert sind, sie anderen mitzuteilen, um sie zu multiplizieren. Hilfreich dafür wäre in dieser Phase eine gute Dokumentation über Formen, Ansätze, (politische) Ziele, die politische Kultur, Strukturen der Freiraumansätze usw. – Transparenz die bisher leider weitestgehend fehlt. Multiplikatoren in Freiraumprojekten, Nachahmer in Potsdam, andere Häusernetzwerke, andere linke Bewegungen und auch Projekte in anderen Ländern würden dieses Material sicher dankbar nutzen.

Und es gibt weit mehr Interessierte als man annimmt. Zu überlegen wäre, ob man als Freiraumszene im Verhältnis zu Öffentlichkeit und Stadt nicht noch etwas mehr seine Nischen(zurück)-Haltung abstreift. Denn mittlerweile ist Freiraumkultur kein marginalisierter Underground mehr. Sondern eine MASSE an Menschen, die nicht mehr zu ignorieren ist. Und warum sollten Freiraum“bürger_innen“ nicht offen(siv)er und deutlicher ihre eigenen Bedürfnisse und Konzepte formulieren? Es gäbe so einige Gemeinschaftskarten im Spiel zu ergänzen.

Gehe über LOS und ziehe 10.000 Euro ein. Ähnliches könnte auch für die Teilhabe am gemeinschaftlich geschaffenen Mehrwert gelten. Jährlich zahlt allein die Freiraumszene mehrere 100.000 € Steuern in die große Monopoly-Bank. Liegt es da nicht nahe, z.B. den richtigen Alternative Jugend Kultur Potsdam-10 Punkte-Katalog um Forderungen zu ergänzen, die der Größe und den Bedürfnissen der Freiraum-PotsdamerInnen entsprechen? Z.B. ein bedingungsloses Budget von 1 € pro qm Freiraum-Nutzfläche pro Monat (= ca. 10.000 qm Freiraum-Nutzfläche gibt es im Moment in Potsdam) Oder 1 € pro Bewohner_in/Aktive pro Woche. Oder für jedes Projekt pauschal 10.000 € pro Jahr (mit stufenweiser Erhöhung pro Jahr um 1000 Euro) Oder den Erlass der Grundsteuer für die Hausprojekte? Ideen für neue Ereigniskarten gibt’s genug.

In der Potsdamer Monopoly-Ausgabe ist Babelsberg am billigsten, Alt Nowawes z.B. ist für 60 € zu haben. Nachdem nun die ersten 3 Häuser in Babelsberg gekauft wurden (wenn auch für etwas teurer:), die Legalisierungswelle 2008/09 in der Innenstadt abgeschlossen ist und die neuen Räumlichkeiten fürs Spartakus „nur“ noch eine Frage der Zeit sind, könnte es eigentlich in die nächste Freiraum-Runde gehen. Oder gibt es sogar schon erste KONKRETE Überlegungen, wie es mit der Freiraumszene weitergeht? Sind Freiraummodelle vielleicht auf eine größere Anzahl von Potsdamer_innen multiplizierbar? Bisher waren die Hausprojektentwicklungen organisch, d.h. relativ ungeplant. Was aber wenn mensch die vorhandenen Ansätze durch eine abgestimmte und koordinierte Entwicklung strategisch weiter ausbauen würde? Was wäre, wenn man mit einer größeren Freiraumkampagne neue Hausgruppen formieren und sie in der Umsetzung qualifizieren würde? Was wäre, wenn es nicht 13 Hausprojekte (plus 1 Dutzend anderer Freiraumprojekte), sondern 100 Projekte in Potsdam gäbe (einen Freiburg-Zustand sozusagen) oder z.B. 20% der Stadt aus solidarisch organisierten Wohn- und Lebensformen bestehen würde? Darf man an diesem Punkt neue Utopien besprechen?

Oder sollte man es vielleicht sogar? Überaus wichtig ist eine Reflexion, welchen Bezug die Freiraumbewegung zur aktuellen Krise hat (deren Auslöser symptomatisch eine Immobilienkrise war, wie man sie im Monopoly nicht besser spielen kann). Man muss kein Finanzexperte sein, um zu verstehen, dass eine Hauptursache für die Weltwirtschaftskrise die große Ungleichverteilung von (Mehr)Wert und die damit entstandene große Menge an Spekulationskapital ist. Und dass jede Form von Finanzmarktregulierungen und -reformen lediglich Aufschübe bis zur nächsten Krise sind.

Die einzigen wirklichen Alternativen können nur solidarische Wertverteilungssysteme sein. Und das macht ua. die Schaffung von Freiraum(kultur) zur Notwendigkeit. Denn Freiraumprojekte schaffen soziale Eigentumsformen (d.h. Häuser in Selbstverwaltung). Sie garantieren sozial-niedrige Preise (statt Spekulationsspiralen). Solidarökonomie in Freiraumprojekten verteilt Wert gerecht. Mehrwerte werden in neue solidarische Projekte investiert (z.B. die Hunderten von kulturellen Veranstaltungen der Potsdamer Freiraumszene pro Jahr). Das und viele Aspekte mehr macht die Freiraumkultur zu einem wichtigen Bestandteil der Bewegung für eine solidarische Welt. Und es wäre daher wichtig die Freiraumkultur auch in Potsdam weiter zu entwickeln.

(cd)

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